Kultur-Highlights
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6. Mai bis 13. August 2010Origen Festival Cultural

Graubünden hat ein Haus für zeitgenössische Oper: In Riom steht das einzige rätoromanische Theater der Welt, ein markantes Burgtheater, jüngst ausgezeichnet mit dem Hans Reinhart-Ring – dem «Oscar» des Schweizer Theaters.
Origen überschreitet Grenzen. Das Festival verbindet archaischen Mythos mit moderner Interpretation, kulturelle Tradition mit zeitgenössischem Formwillen. Es spielt in allen Sprachen Graubündens und hebt die rätoromanische Kultur auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Zu Origen gehört der gregorianische Gesang zum Tagesanbruch, dargebracht in einer karolingischen Klosterkirche, die szenische Vokaloper im barocken Sakralraum, die vitale, humorvolle Commedia auf charakteristischen Dorfplätzen und an grünen Seeufern, schliesslich das neue Musiktheater in der mittelalterlichen Festung.
Nichts ist aber beliebig: Der Festivalsommer ist durch ein Thema bestimmt, das alle Veranstaltungen prägt und neue, meist junge Perspektiven auf Tradiertes wirft. Origen ist Bekenntnis zum künstlerischen Experiment, das sich in einer Vielzahl von Uraufführungen niederschlägt – und Beweis für die Vitalität einer alpinen Landschaft, die seit jeher Schmelztiegel der Kulturen ist. Welttheater für das 21. Jahrhundert.
Archaische Reflexionen und kühne Experimente
Das Origen Festival Cultural präsentiert das Festivalprogramm 2010
Das Origen Festival Cultural unter der Leitung von Giovanni Netzer lässt die „Königin von Saba“, eine mythische Herrscherin der orientalischen Antike, zum Gipfeltreffen mit König Salomo auf den Julierpass reisen – und nutzt die archaische Legende als Basis für kühne Theaterexperimente, die von der mitternächtlichen, monastischen Nocturn in der Burg Riom bis zum sturmtrotzenden Freilichttheater auf der Passhöhe des Juliers reichen.
Die Königin von Saba ist eine der faszinierendsten Gestalten der orientalischen Antike. Ihr sagenhaftes Reich im Süden der arabischen Halbinsel zwischen Rotem Meer und dem Golf von Aden lebte vom Handel mit Edelsteinen, Gewürzen, Weihrauch und Myrrhe. Obwohl sie in keiner Schrift des Sabäischen Reiches historisch nachgewiesen werden kann, steht ihre rätselhafte Figur am Anfang einer grossen Wirkungsgeschichte. Origen widmet ihr einen ganzen Festivalsommer – und ein spektakuläres Freilicht-theater in der Bergwüste.
Ein archaisches Spiel im Freien – auf 2284 Metern über Meer
Das Freilichttheater erzählt von einem antiken Gipfeltreffen: König Salomo empfängt die weitgereiste Königin von Saba an der Grenze seines Reiches, führt ihr seinen Reichtum vor und verliebt sich in die fremdländische Schöne. Doch das Glück ist von kurzer Dauer. Salomo verfällt dem Intrigenspiel seines Hofstaates, das sich gegen die sabäische Herrscherin wendet. Die Gewalt eskaliert und offenbart ein marodes Reich, das nicht zu halten ist. Die Königin aus Südarabien kehrt enttäuscht und verletzt in ihr Heimatland zurück. – Origen erzählt den berühmten Stoff neu, an symbolischem Ort, auf mythischem Boden. Der Julierpass, Grenzgrat zwischen Nord und Süd, wird zum Schauplatz des königlichen Gipfeltreffens. Auf dem Julier entsteht ein temporäres Theatergebäude, das in seiner Ästhetik moderne Staatsempfänge zitiert. Die Julierstrasse, Auffahrtsort der Staatskarossen, ist der dramatische Lebensnerv des Stückes. Das Spiel auf dem Berg verlangt Schauspieler mit „Polartauglichkeit“: sie müssen Temperaturschwankungen meistern und darüber hinaus eine archaische Form des Spiels entwickeln, die zum Berg gehört. Dafür bildet Origen ein neues Ensemble, das aus jungen Schauspielern, Akrobaten, Boxern und Tänzern besteht. Das Regieteam ist bewährt: Giovanni Netzer schreibt das Werk und führt Regie, Lorenz Dangel arbeitet am Klang, Daniel Müller ist für das Licht verantwortlich. Die Stoffe für die Kostüme werden vom St. Galler Textildesigner Jakob Schläpfer speziell für die „Königin von Saba“, entworfen. Genäht werden die Kostüme – wie seit über 20 Jahren – im Savogniner Atelier Pôss.
Ein mitternächtliches Experiment auf Burg Riom
Die Aufführungen der „Nocturn“ auf Burg Riom kreisen um die apokalyptische Dimension der Königin von Saba: im Neuen Testament erscheint sie als Zeugin des Jüngsten Gerichts und sieht das Weltende kommen. Die Nocturn ist ein liturgisch-kultisches Experiment, das auf dem monastischen Stundengebet der Matutin beruht. Der gregorianische Gesang – aufgeführt von der Origen Choralschola der „Cantoris“ – wird mit neuen Kompositionen und Klanginstallationen kontrastiert. Die einfache Lichtinstallation reflektiert den thematischen Ursprung der antiken Nocturn: im Zenith der Nacht, die dem Chaos verfallen ist, scheint das Licht auf. Darum finden die Aufführungen, mittelalterlichem Brauch entsprechend, um Mitternacht auf Burg Riom statt. Liturgisches Gegenstück zur Nocturn ist die Laudes, die jeweils am Sonntagmorgen bei Sonnenaufgang in der karolingischen Kirche von Mistail gegeben wird.
Die Konzerte des Origen Ensemble Vocal „Nigra Sum“
Das Konzert „Nigra sum“ ist der Liebeslyrik des biblischen Hoheliedes gewidmet. König Salomo gilt als der Verfasser dieser einzigartigen poetischen Duette, die von der Sehnsucht, vom Leid und von der Liebe eines jungen Paares erzählen. Die antike Tradition deutet die Verliebten als Salomo und Saba. – Das Origen Ensemble Vocal unter der Leitung von Clau Scherrer interpretiert Werke aus sechs Jahrhunderten, die alle auf Texten des Hoheliedes beruhen, und bringt zwei zeitgenössische Kompositionen zur Uraufführung: Lorenz Dangel und Gion Antoni Derungs, beide langjährige „Hauskomponisten“ des Origen Festival Cultural, interpretieren die uralten Texte aus zeitgenössischer Perspektive. Die Konzerte in Zürich, St. Gallen und Chur eröffnen das diesjährige Festival – bereits in der ersten Woche des Monats Mai.
Die Komödie „Makeda“ und die äthiopische Legende
Die Figur der Königin von Saba spielt in allen monotheistischen Weltreligionen unterschiedliche Rollen. So kennt z.B. die äthiopische Legende viel mehr Details als der biblische Bericht: in der afrikanischen Tradition soll Salomo die Königin von Saba, die hier Makeda heisst, trickreich verführt und mit ihr ein Kind gezeugt haben, den Stammvater der äthiopischen Königsdynastie. – Die Compagnia Origen, bestehend aus Absolventen der Scuola Teatro Dimitri, erzählt den farbigen, äthiopischen Mythos mit viel Witz und Selbstironie, deutet damit die mannigfaltigen Interpretationen der einen Figur und parodiert die monumentale Aufführung des Julierpasses. Die Compagnia unter der Regie von Fabrizio Pestilli gibt über dreissig Aufführungen und spielt, ältestem Brauch entsprechend, in Gärten, auf Dorfplätzen und an Seeufern der Region, nämlich in Alvaneu, Andeer, Bergün, Chur, Filisur, Lenzerheide, Savognin, Tiefencastel und im Silser Hotel Waldhaus.
Ton-Installation zu den Urtexten des Mythos
Die Königin von Saba ist eine der facettenreichsten Figuren der Weltliteratur und vereinigt in sich die unterschiedlichsten Charakterzüge: sie ist absolute Königin, furchtlose Drachentöterin, männermordende Amazone, dynastische Urmutter, gänsefüssige Missgeburt, Prophetin des Kreuzestodes Jesu, Herrin der Tiere, sibyllinische Seherin, schwarze Befreiungskönigin, Zeugin der Apocalypse. Die minimalistische Toninstallation auf Burg Riom konfrontiert den Besucher mit den Urtexten, die fast 3000 Jahre alt sind – und portraitiert die archaische Königin mit Texten der Bibel, des Korans, der äthiopischen Königschronik, der Legenda Aurea und den Theatertexten Pedro Calderons, der ihr zwei Dramen gewidmet hat.
„Frauen-Bilder“ als Thema des kunstgeschichtlichen Führungszyklus
Der Führungszyklus „Frauen-Bilder“ schliesslich kreist um die bildliche Darstellung von Königinnen, Heiligen, Huren und Himmelsfürstinnen in der Ikonographie der einheimischen Sakralbauten. Die Betrachtung einzelner „Frauen-Bilder“ wird ergänzt durch eine allgemeine kunsthistorische Führung in den jeweiligen Kirchenbauten. Zum Führungszyklus gehören die karolingische Kirche von Mistail, die Magdalenen-Kirche von Stierva, die Georgskiche von Salouf, die Muttergottes-Kirche und die Martinskirche von Savognin.
Das bisher grösste, teuerste – und jüngste Origen Festival Cultural
Mit dem diesjährigen Festival bricht Origen alle bisherigen numerischen Rekorde. Insgesamt bietet das Festival über 120 Veranstaltungen. Das Festivalbudget übersteigt erstmals deutlich die Millionengrenze. Das Festival beschäftigt über 60 Mitwirkende, teilweise über mehrere Monate. Auch das Durchschnittsalter ist rekordverdächtig und bemerkenswert niedrig: es liegt bei 29 Jahren.
Weitere Informationen und Reservierungen
Der Vorverkauf für das szenische Konzert NIGRA SUM, für die Commedia MAKEDA und das liturgische Experiment NOCTURN ist eröffnet. Tickets für das Freilichtspiel LA REGINA DA SABA sind ab 12. Mai erhältlich. Am 6. Mai verkehrt ein Sonder-Postauto von Savognin via Thusis und Chur zur Festivaleröffnung nach Zürich. Anmeldungen nimmt das Origen Produktionsbüro gerne entgegen.
Origen Festival Cultural
Caum postal
CH-7460 Savognin
Tel. +41 81 637 16 81
Fax +41 81 637 16 83
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